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Trotz Mobilisierung

Hamburg zur Kriegszeit

Das Wirtschaftsleben Hamburgs ist nach der Mobilisierung fast ganz zum Erliegen gekommen. Dennoch bewahren die Kaufleute so große Ruhe, dass sich sogar die Engländer in Hamburg sehr sicher fühlen.

Hamburgs gewaltiges Kaufmannsleben liegt still. Mit tausend Armen griff der Handelsverkehr dieser Stadt um den Erdball.
22 Millionen Tonnen, das sind 22 Milliarden Kilogramm, wurden um neuen Jahrhundert alljährlich hier eingebracht, ausgefahren. Nun rühren sich die Arme nicht mehr. Rund 20 000 Schiffe besuchten alljährlich den Hafen Hamburgs. Nun bleiben sie fort. 1500 Hamburger Schiffe trugen die Waren und Menschen aus und ein: nun liegen sie ohne Dampf und mit stillen Maschinen in den neutralen Häfen der Welt.

Diese Zahlen geben eine Vorstellung davon, wie sich in einer Millionenstadt, deren wirtschaftliches Leben vollkommen vom Welthandel bestimmt wird, in dieser schweren Kriegszeit das kaufmännische Leben gestalten. Keine Firma, groß oder klein, die nicht schwer zu leiden hat und nun mit äußerster Zähigkeit versuchen muß, sich zu behaupten. Es gab schon manches Opfer, und es werden noch mehr Opfer fallen. Aber man weiß, daß dieser furchtbare Krieg zugleich auch Kampf um den Weltmarkt ist. Weiß, daß ein Sieg Deutschlands in diesem aufgezwungenen Kampf ein unerhörter Gewinn für Deutschlands Vormachtstellung im Handel der Welt sein würde und duldet schweigend. Es gibt in diesen Tagen auch in Hamburg viel, viel stummes Heldentum im kaufmännischen Leben.

Man spürt‘s, wenn man jetzt zur Mittagsstunde auf die Börse kommt. In Friedenszeiten, in Zeiten vorübergehender Handelskrisen, war‘s dort fiebriger, lärmender als jetzt, bei der größten Krise, die jemals über dem Handel lag. Wohl gibt es Aufgeregte und Fassungslose, aber im allgemeinen ist die Stimmung groß und heroisch. Mit derselben Begeisterung, die wie ein herrliches Feuer aus jedem Zoll deutschen Bodens flammt, haben die Kaufleute ihre Söhne zur Fahne geschickt oder sich selbst gestellt: das kostet Opfer an Blut. Mit wundervollem Heroismustragen sie den Druck der Wirtschaftskrise: das kostet Opfer an Gut.

Und diese ruhige Stimmung teilt sich allen Hambugrern mit.Es gibt wohl, wie überall, laute und fiebrig erregte Menschen, die auf dem Jungfernstieg und vor den Redaktionen nach Nachrichten lungern und denen die reine Sensation der Ereignisse tiefer in den Nerven sitzt als der heilige Sinn dieser furchtbaren, großen Tage in der Seele, wohl gibt es auch hier eine turbulente Kaffeehausbegeisterung – aber weitaus überwiegt die ruhige, von innen heraus kommende patriotische Stimmung, die durchleuchtet ist von der Zuversicht auf den Sieg.

Die Kriegserklärung Englands ist in Hamburg mit schwer definierbaren Gefühlen aufgenommen worden. Hamburg war einer der festesten Punkte deutsch-englischer Verbrüderungsarbeit. Nun ist diese Verbrüderung für lange Zeit vorbei. Und daß dieser Angriffskrieg der britischen Politik von der englischen Kaufmannschaft ähnlich gesehen wird, wissen wir. Bei der Hamburger kriegshilfe erschien gestern (Montag) ein Engländer, um einen Geldbetrag für gemeinnützige Zwecke niederzulegen und gab dabei, mit dem Wunsche öffentlicher Bekanntgabe, eine Erklärung ab, in der es heißt:

„Wir sind keine Verräter an unserem Heimatlande, wenn wir in diesem Verteidigungskriege, der Deutschland aufgezwungen ist, uns auf Deutschlands Seite fühlen. Denn wir wissen, daß es kein Soldatenkrieg ist, in dem ein Land gegen das andere seine Ansprüche durchsetzen will; es ist vielmehr ein Angriffskrieg gegen menschliche Gesittung, die heute unserer Überzeugung nach nur an Deutschlands Wehrkraft gegen Tataren und Mongolen ihren Schutz finden kann … Ich habe Grund zu der Annahme, daß ich für viele Engländer spreche, die wie ich im gastfreien Hamburg eine gesicherte Existenz sich haben gründen können. Wir fühlen mit Bewunderung und Dank Rechtssicherheit und öffentliche Ordnung, die jetzt selbst in den Zeiten der kriegführenden Mächte gegenüber weder bei der Bevölkerung noch bei den Behörden versagt.“

Mächtig hat auch die hamburgische Kriegshilfe eingesetzt. Wo kein bares Geld ist, gibt man Schmuck. Die Einlieferung von Schmucksachen, Edelmetallgeschirr, Familienerinnerungen, Münzen und goldenen Eheringen ist so außerordentlich stark gewesen, daß die hamburgische Kriegshilfe einen Aufruf erlassen hat, in dem darauf aufmerksam gemacht wird daß die Stunde, sich solcher Wertsachen zu entäußern, noch lange nicht gekommen sei und hoffentlich nie kommen würde. Mit herzlicher Freude darf mitgeteilt werden, daß die sozialdemokratische Partei Hamburgs sich eine Kriegssteuer auferlegt hat. Diese Kriegssteuer der Festangestellten beträgt je nach dem Einkommen 7 1/2 bis 33 Prozent des Einkommens. Das ist in höchstem Maße nachahmenswert.

Wie ungeheuerlich die belgische Bevölkerung gegen unsere Landsleute gewütet hat, spüren wir hier in Hamburg ergreifend stark. Noch jetzt kommen über Holland Scharen von Flüchtlingen nach Hamburg. Es kommt ein Zug nach dem anderen. Immer das gleiche Elend. Die Mittellosen unter ihnen, die oft dürftigste Kleidung tragen und nichts von ihrer Habe retten konnten, werden im Johanniskloster untergebracht und von Hamburger Wohltätern verpflegt. Sie erzählen Dinge, die einem das Blut in die Stirn jagen. Ein Kaufmann, der die Aufstände in Mexiko vor einigen Monaten miterlebt hat, sagte, die Vorgänge dort seien nicht so barbarisch gewesen wie die Roheiten der Antwerpener. Und wie die belgischen Bauern gegen unsere Soldaten wüten, beweist ein Kriegsbrief von der Westgrenze, den ein junger Hamburger Krieger aus dem Aachener Lazarett an seine Eltern geschrieben hat. Er erzählt von den hinterhältigen Feindseligkeiten der belgischen Bauern: „Wir hatten schon gehört, daß von Privatpersonen auf de vor uns marschierenden deutschen Kameraden aus dem Hinterhalt geschossen worden war, und waren auf unserer Hut. Als wir am Abend in ein Dorf einmarschierten,kamen uns die Bewohner mit unterwürfiger Freundlichkeit entgegen, brachten uns auf Verlangen Wasser und unaufgefordert auch verdächtig viel Wein. Wir schlugen unsere Zelte auf und stellten Wachtposten aus. Nachts um 12 1/2 Uhr schreckten mich Werda-Rufe der Posten und Flintenschüsse aus dem Schlaf. Wir sausten aus den Zelten, ergriffen die Gewehre: „Dort kommen sie her!“ rief der Feldwebel, auf eine vorspringende Waldecke zeigend. In dem lebhaften Gewehrgeknatter, das jetzt losging, fühlte ich plötzlich einen Schlag im linken Handgelenk, Erst später merkte ich, daß ich von einer Kugel getroffen war. Unsere Angreifer waren die Bauern aus dem Dorf, die uns am Abend so freundlich empfangen hatten.“

Wir beißen die Zähne zusammen und würgen die Entrüstung herunter. Aber eine tiefe Traurigkeit bleibt. Es leben in Hamburg, und gewiß auch in vielen anderen deutsche Städten, heute noch Engländer, Franzosen und Belgier, die ruhig ihren Geschäften nachgehen, und kein Haar wird ihnen gekrümmt. Ein im hamburgischen Staatsdienst angestellter Engländer klagt in einer hamburgischen Zeitung, daß seine Landsleute in England durch eine hetzerische Presse über die wahren Entstehungsgründe des Krieges getäuscht würden. Und er hätte allen Grund zu fürchten, daß nach den Berichten gewisser englischer Blätter seine Freunde drüben annehmen müßten, daß die Engländer in Hamburg alle ermordet seien. Er fordert die Regierung auf, nach einer Möglichkeit zu suchen, den Engländern zu sagen, mit welcher Sicherheit die Ausländer in Hamburg ihren Geschäften nachgehen könnten …

Gott sei Dank, Recht und Kultur sind bei uns; es kann gar nicht anders sein … wir müssen siegen!