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Abreise von 1205 Ferienkolonisten

In die Ferien!

Zu vier Wochen im Ferienlager an der Ostsee sind mehr als 1200 Schüler aus Berlin abgereist. Sie werden der Ostseejugend Berliner Eigenarten näher bringen und sonnendurchtränkt zurückkehren.

Heute früh fuhren die ersten Schützlinge der Berliner Ferienkolonie vom Stettiner Bahnhof aus der Freiheit und der Erholung entgegen. 845 Knaben und 360 Mädchen rückten in militärischer Ordnung an. Die einzelnen Züge waren kenntlich gemacht durch ein weißes Banner mit dem Berliner Bärenwappen und dem Ortsnamen der Kolonie. Treusorgende Damen, sachkundige Kolonieführer zählten und ordneten ihre Züge. Da kamen die kleinen Steppkes, begleitet von den Angehörigen, zu Hunderten und Hunderten an. Muttern ließ es sich nicht nehmen, das bescheidene Gepäck des Kleinen zu tragen und bis zur Abfahrt wohlwollende Ratschläge zu erteilen. Der Zug pfeift. Ein letzter Kuss, und schnell gleiten noch ein paar Groschen in die kleinen Kinderhändchen. Als Ergänzung des gewiss nicht reichlichen Taschengeldes. Noch ein paar im Lärm verschallende Worte und aus der rauchigen Halle, aus dem Lärm und dem Getümmel gehts hinaus in die Sonne, hinauf ans Meer.

Mit Freude konnte man wahrnehmen, wie diszipliniert unsere Schuljugend ist. Da standen die kleinen Berliner, geduldig und still, trotz der puppernden Herzen und seligen Erwartung, die aus den Augen leuchtete. Sie sahen alle ganz gut aus. Gewiss, es waren auch kleine Bleichgesichter dabei mit dünnen Beinchen, deren Träger in den Berliner Schulen angesungen werden: „Helene mit de Semmelbeene! Bei dir nützt det Turnen noch nischt!“ – Kleine Kerle standen dabei mit krummen Säbelbeinen, von denen die Schulfreunde sangen: „Siehste, Emil, der kann ooch nich Hundefänger werden.“ „Na, warum denn nich?“ – Se loofen ihm zwischen de Spazierhelzer durch.“ Auch die „jnitschije Paula“ war dabei, die Anlage zum Geiz hat, die ihre Schokoladenplätzchen allein isst, und von der die Kinder dann singen: „Päuleken, dein Mäuleken is so schwarz wie’n Deubelken.“ Alle Sorten waren vertreten, von der schlauen Emilie, „wo de Jras wachsen heert“, bis zum kleinen „Will’m“, der so doof is, als ob er wat von der letzten Hitze zerickbehalten“ hätte.

Nun werden die Kleinen draußen am Meer und in dem Schatten prachtvoller Buchenwälder neu aufleben. Werden Berliner Kinderart und Sitte dort oben vertreten und werden vor allem die echt Berliner Abzählreime einführen: „1, 2 – Polizei, 3, 4 – Unteroffizier …“ Bald wird die ganze Ostseejugend berlinern und nach vier Wochen kommen die Kleinen zurück: Mit Sonne durchtränkt und beseligt von der Freudenquelle, die hochherziger Bürgersinn ihnen erschlossen hat.