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Deutsches Rotes Kreuz ruft zur Mitarbeit auf

Ostpreußen

Russische Soldateska macht nicht einmal vor Tieren halt. Zivilbevölkerung in Ostpreußen zu Tausenden auf der Flucht.

Im gestrigen Abendblatt haben wir mitgeteilt, dass die Unterstützung der sehr zahlreichen Flüchtlinge, die aus den ostpreußischen Grenzbezirken in Berlin eintreffen, zunächst von der Beratungsstelle des Roten Kreuzes, im Reichstagsgebäude, Portal 5, organisiert wird.
Die Beratungsstelle bittet, wie wir wiederholen möchten, nicht nur um Geld und Kleidungsstücke, sondern sie ersucht alle diejenigen, die flüchtige Familien oder einzelne Personen bei sich aufnehmen könnten, dies mitzuteilen. Zu der Not der Arbeitslosen ist nun diese Not der Ostpreußen gekommen, und zu der Ehrenpflicht, den Familien der im Kriege kämpfenden Vaterlandsverteidiger und den allzuvielen, die vergeblich nach einem kargen Erwerb suchen, zu helfen, tritt die neue Ehrenpflicht, das Elend der Vertriebenen zu mildern. Die Flüchtlinge, die bis nach Berlin gelangt sind, bilden nur einen geringen Teil der bedauernswerten Scharen, die in den letzten drei Tagen plötzlich Haus und Hof verlassen mussten, weil die russische Soldateska sengend und plündernd in das deutsche Land eindrang. Und doch ist auch die Zahl derer, die in Berlin Schutz und Obdach suchen, schon sehr groß, und wer diese gehetzten, ermatteten, nur mit einem Bündelchen oder einer hastig gefüllten Handtasche davongeeilten Frauen, Männer und Kinder bei ihrer Ankunft gesehen hat, der hat – auch wenn er gar nicht ihre Erzählungen gehört – einen tief bewegenden Eindruck empfangen.
1918
Es liegen uns viele solcher Erzählungen und auch zahlreiche Briefe ostpreußischer Gutsbesitzer und Gutsinspektoren vor. Wir müssen darauf verzichten, ihren Inhalt wiederzugeben – sie schildern, wie die Russen das Vieh über die Grenze getrieben haben, wie die Pferde geopfert, die Häuser mit allem Hausrat verlassen werden mussten, wie die Landstraßen mit schwer vorwärtsstrebenden, zum Teil schon zerbrochenen Wagen verstopft und bedeckt sind, auf denen man Kinder und Greise zwischen wahllos aufgepackten Habseligkeiten sieht. Diese Berichte enthalten auch die stetig wiederkehrende Klage, dass die Bevölkerung von den Zivilbehörden zu spät benachrichtigt, die Räumung der Grenzbezirke zu lange aufgeschoben worden sei. Ob diese Klagen berechtigt sind, vermögen wir nicht zu sagen.

Mit dem Einbruch der Russen in Ostpreußen ist seit Beginn des Krieges gerechnet worden. Die lang ausgedehnte Grenze ist naturgemäß gegen solche feindlichen Einfälle schwer zu schützen, und man hat an den unterrichteten Stellen nie ein Hehl daraus gemacht, dass es nötig sein werde, für eine kurze Zeit gewisse Gebietsteile dort im Osten preiszugeben. Die tapferen deutschen Truppen, die dort an der Grenze stehen, haben die Russen eine Weile lang immer wieder mit blutigen Köpfen heimgeschickt, aber es ist erklärlich, dass nun Russland allmählich seine Haptmacht gegen Ostpreußen vorgehen lässt. Weil der Generalstab das vorher in seine Berechnungen eingestellt hat, konnte man vorn der Entwickelung der Dinge auch nicht überrascht sein, und man darf zu der deutschen Armeeleitung das feste Vertrauen haben, dass sie ihre Gegenmaßregeln getroffen hat. Auch dort, wo diese Maßregeln die Zivilbevölkerung mittreffen, wird man ihnen, bei sachgemäßer Aufklärung, allgemeines Verständnis entgegenbringen, und es wird auch als eine ganz selbstverständliche Maßnahme angesehen werden, wenn man die Grenzfestungen von überflüssigen Essern räumt. Gleichwohl ist es begreiflich, dass in der Bevölkerung Ostpreußens angesichts der plötzlich erkannten, für den Bewohner der bedrohten Gegenden momentan kritischen Situation eine so starke Beunruhigung entstanden ist. Und je fester wir alle davon überzeugt sind, dass die militärische Gesamtlage und das Schicksal Deutschlands von diesem vorübergehenden Russeneinbruch nicht im mindesten berührt werden, desto mehr muss sich das Mitgefühl denjenigen zuwenden, die, für den Augenblick, der plündernde und drohende Russe vom geliebten, treu gepflegten Heimatboden vertrieben hat.

Die Ostfront im August 1914 Quelle: Wikipedia

Die Ostfront im August 1914
Quelle: Wikipedia