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Will man Republikaner in Paris werden? fragt sich unser Autor

Paris und London

Was der Reisende über Paris und London denkt, über das Flanieren, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Städte und über das Geheimnis der Freiheit.

London, 3. Mai.
Die erste Artigkeit, die die galante Stadt Paris dem Fremden erweist, ist die, ihn ein [sic!] Stunde jünger zu machen. Steigt er früh in Gare du Nord aus dem Schlafwagen, so sieht der Mitteleuropäer seine Uhr eine Stunde vorausgeeilt, und ihm ist, als brauchte das amoureuse Paris eine Stunde länger für die Nacht. In dieser „Pariser Zeit“ liegt ein doppeltes Symbol versteckt: der Trotz des Franzosen auf seine eigene Sitte und seine europäische Weltlichkeit – Neigung zum Sonnenuntergang.Nirgends auf diesem Erdteil strömt Freiheit so von allen Seiten her dem Gast entgegen als hier, in der Stadt der weiten Plätze, der glänzenden Avenuen und jener Boulevards, deren breite Zeilen die Fülle rasender Gefährte tragen, als hätten sich die Steine losgelöst, und selbst der Boden glitte unaufhaltsam vorwärts. In keiner Stadt Europas herrscht so schnelle Bewegung, so schnelle Fahrt, so völlige Automobilisierung, nicht einmal in Berlin, und nirgends, nicht einmal in Rom, Palermo oder Sevilla ist der Bürger auf der Straße so ganz zu Haus. Nirgends ist der Schritt der Frauen so leicht und wie ein Flug, als eben hier. Nur hier kann die Mode gemacht werden, denn nur hier strömen die Elemente zusammen, aus denen sie wird, Freiheit und Kultur, und bilden eine rasche Mischung wie die komplementären Farben, die einander auszuschließen scheinen und doch bedingen.
Vielleicht ist das Geheimnis der Stadt Paris darin begründet, daß ihre Kultur monarchisch ist, ihre Freiheit aber republikanisch und dies beides in gänzlich ausschließendem Sinne. Das Bild der Stadt, beinahe jeder Platz, alle Fronten und Denkmäler rufen den Fremden an wie erstarrte Geister der Geschichte. Das Jahrhundert der drei Könige hat diese Stadt geschaffen, wie sie heute steht, darüber aber warf der kleine Kaiser, mit der trotzigen Geste, die ihm überall eignet, den Stil seiner Person wie ein durchsichtiges Gewebe. Jeder Schritt durch diese Stadt stärkt das Gefühl, daß nur Napoleon Bonaparte ihren Repräsentanten bedeutet, sowie in jeder Stunde (Balzer) als ihr umfassendster Rhapsode ins Gedächtnis steigt. Was hier (jest) steht, die große Kulisse dieser Millionen, ist nicht bloß von Fürsten geschaffen, sondern sogar von Autokraten, und alles, was hier sich bewegt, diese stürmende Gegenwart ist nicht bloß Freiheit, sondern sogar Republikanertum. Dies Leben scheint seit Urzeiten herrscherlos – dies Bild stammt nur von Herrschern.
Am ersten Sonntag des Frühlings war ich in Versailles. Zwanzigtausend Menschen durchströmten das Schloß und die Gärten, die Tore dieses hochmütigsten der Königsschlösser, einst bewacht von einem kleinen Heer, stehen heute jedem Bettler offen, niemand zahlt Eintritt, niemand passiert ein Tourniquet, niemand zieht Pantoffeln an zum Schutz des Parketts, niemand wird geführt. In langen Zügen wandern die Franzosen durch die marmorne Festung eines Königs, der ihre Kultur mehr als ein Jahrhundert bestimmte. Der Roi Soleil ist hin, sein Enkel geköpft, die Riegel sind gesprengt, statt des königlichen Wappens flattert hoch die Trikolore – Freiheit weht durch die Galerien. Aber niemand mißbraucht sie, niemand setzt sich auf die Gobelins der schönen Taburette, deren jedes den Namen einer Stadt des Königs trägt. Nut mit naiver Neugier gleiten die Blicke dieser Mädchen und ihrer Soldaten, dieser kleinen Bürger und Frauen, dieser an der Hand geführten Kinder über die Büsten und Bilder der Könige, deren Blick Verachtung ist und Haß der Waffe. Und selbst in jener Galerie des Glaces, von deren Mittelfenster der beglückte König auf die Gartenfeste seines Hofes niederblickte, muß der Deutsche, dessen Geist hier die Gestalten des 18. Januar bedrängen, erst recht republikanische Luft wittern. Denn welcher Sturm des heimischen Volkes gegen das Schloß seines eigenen Königs kann im Grunde mehr Revolution, mehr Mord am Angestammten bedeuten, als die Huldigung fremder Fürsten im Schloß von Versailles, vor einem fremden Kaiser, unter den Adlern des todfeindlichen Heeres?
Draußen, auf den unabsehbaren Rasen, tummeln sich die Glücklichen. Die Eleganz der Boulevards ist verschwunden, nur der kleine Bürger macht hierher den Sonntagsausflug, aber alle Frauen sind hübsch und alle im Grunde gleich gekleidet, denn genau am gleichen Tage haben die drei größten Basare von Paris ihre Frühlingsschau eröffnet, und noch das „freieste“ Montmartremodell würde sich schämen, jetzt einen großen Hut zu tragen, da kleine Hüte Mode sind.
Alles ist frei in dieser Stadt des Volkes, es gibt keine Wachen. Unter den Tausenden, die heute die königlichen Gärten beleben, ist nicht eine Wache, nicht ein Polizist. Unter dem ersten Flieder, auf dem Rasen sitzen und liegen sie, auf den Teichen rudern und fahren sie, kleine fliegende Buffets umringen und leeren sie, aber nirgends ein Übergriff, nirgends ein Streit. Keine Tafel verbietet das Pflücken der Blumen, aber niemand pflückt sie, denn jeder fühlt sich als der Herr dieses Gartens.
Durch die Champs Elysées am Nachmittag brausen die Autos, voltigieren die Räder, sausen die elektrischen Bahnen, alles staut sich oft zu wildem Durcheinander, aber Schutzleute sind kaum zu sehen. In den Revuen der Variétés um Mitternacht enthüllen sich die Tänzerinnen von oben und von unten her, bis nur noch Weniges verborgen bleibt, und nackte Frauen von vollkommener Schönheit werden über die Bühne getragen, auf Schildern, in Muscheln. Niemand wacht, niemand verbietet. Von allen Seiten strömt – prahlerisch beinahe – Freiheit herein, der Fremde fühlt sich mitgerissen, schon scheint er gewillt, sein politisches Ideal von Grund aus umzubilden, es treibt ihn, Republikaner zu werden – er scheint es schon – er würde es beinahe werden, wenn nicht…
Der Schnellzug lenkt sich gegen Calais, im Speisewagen scheint die Küche an Güte abzunehmen, der Senf scheint schärfer, und die französischen Stimmen mehr und mehr von englischen gedeckt zu werden, – mit einem Mal geht Salzgeruch über die Ebene hin, der Horizont wächst in die Weite, Masten tauchen auf, wir sind am Meer.
Wie ein ungeheurer Festungsgraben umgibt es die englischen Inseln, trennend, schützend. Eine Stunde in der abendlichen Brise übers Meer: dann hebt sich rasch die Silhouette empor. Berge nähern sich, nun sind es weiße Felsen, nun tragen sie grünes Land, nun einen Leuchtturm, einen Hafen, ein Rat, – und keiner von den hundert Passagieren, die jetzt fünf Schritte vom Bord in die Pullmann-Car gehen, um dort sogleich die Zeitung weiterzustudieren, die sie zwei Augenblicke lang unterbrechen mußten, – keiner scheint zu bemerken, daß er mit diesen Schritten in Calais und Dover, vom Zug zum Schiff und wieder zum Zuge das entscheidende, das Grundgesetz bestätigt hat, welches das sonderbarste von allen Völkern Europas regiert. Hier liegt ein Stück unseres Erdteils wie andere auch, eine Großmacht wie andere auch, ein Zentrum der Geschichte und Kultur, wie alle. Nur daß es eine I n s e l ist, setzt es aus jeder Norm und macht es unvergleichbar.
Dies eine: daß es eine Insel ist, worauf sie wohnen, erklärt sogleich, noch ehe wir ihr Land betreten, die entscheidenden Züge ihres Charakters, die Züge des Seefahrers, Besonnenheit und Romantik. Vielleicht geht alles, was wir an Ruhe und Ernst, an Selbständigkeit [sic!] und Männlichkeit, an Vorurteil und an Melancholie immer wieder am Engländer bestaunen, auf diese beiden Grundkräfte in seinem Inneren zurück.
Die weiße Felsenküste fliegt, noch ein paar Augenblicke, und wir sind im Lande, einem festen Lande für sich, einem kleinen Erdteil. Ein Garten tut sich auf, die Insel blüht; es blühen die Äpfel, die Pfirsiche und die Mandelbäume, in großen Büschen glänzt über die Wege der Ginster, und die Primeln machen den Bahndamm gelb; sie sind schuld daran, daß der erste Staatsmann, dessen der Fremde in diesem Lande der Staatsmänner gedenkt, Lord Beaconsfield ist, der Liebhaber der „Primrose“. In umhegten Wiesen weiden die Schafe, die Ziegen, die Pferde und die Kühe, paradiesisch vertraut; es ist, als sollte der Fremde ein Land der Hirten und des Friedens schauen, und als führe dieser Zug ihn nicht in einer Stunde in die größte Menschensammlung der Welt, wo sieben Millionen sich bedrängen.
Kaum aber hat er in Victoria Station sein Coupé verlassen und sucht in dieses Chaos einzudringen: sogleich fühl sich der Fremde ganz verloren, führerlos, dem Wühlen einer Masse preisgegeben, die er nicht meistern kann und nicht erfaßt.
Paris ist offen, seine Zentralen sind greifbar, der Plan dieser Stadt wie die Technik dieses Lebens wird in einem Tage jedem Fremden klar. So wie man sie nannte, la reine des cités, so bietet sie sich dem Gaste dar, strahlend, beglänzt, und es ist, als hätte sie ihn längst erwartet. London ist verschlossen, unzugänglich, scheint unergründlich, auch dem, der er schon sah. Hier fehlt das historische, hier fehlt das dichterische Zentrum, und weder Napoleon noch Balzac, an deren Spur und Geist sich der Gast von Paris in jedem Augenblicke halten konnte, findet hier den analogen Namen. Das Epos von London ist nicht geschrieben wie das Epos von Paris, und kein König hat diese Stadt entscheidend und weit sichtbar bestrahlt. Grenzenlos erneuern sich die Teile der Stadt, rauschen die Geräusche ineinander, folgen sich die Menschen.
Jedoch aus dieser ungestillten, ewigen Bewegung scheint sogleich ein [sic!] große Ruhe emporzusteigen, ähnlich wie wir die Rotation der Erde nur noch als Stillstand wahrnehmen. Diese große Ruhe, aus dem Charakter des seefahrenden Volkes entsprungen und durch Zusammenströmen unendlicher Bewegung erneuert, kennzeichnet das Straßenbild von London. Niemand geht, um zu gehen, niemand liebt die Straße wie in Paris, jeder geht nur von einem Ziel zum anderen; und doch rennt niemand wie in Berlin und dich rast kein Auto wie in Paris, und doch schreit keiner durch die Straßen.
Der Verkäufer preist seine Ware nicht, er verkauft, als ob er kaufte. Der Policeman donnert niemand an, er hebt nur die Hand; keiner spricht ein Wort zuviel, ja, selbst der Zeitungsverkäufer schweigt beinahe immer an der Straßenkreuzung. Alle Wirkungen sind fürs Auge eingerichtet. Zahllos weisen die Schilder von einem Mittel des Verkehrs zum anderen, in Schrift und Lichtschrift erneuern sich die Reklamen, und der Kiosk wechselt dreimal am Tage die riesigen Lettern seiner Affichen.
Zu Fuß und Wagen schiebt sich die Menge der Millionen vorwärts zwischen jenem grauen Schwarz der Käufer, daß das Bild von London bezeichnet. Auch hier liegen die Elemente zusammen und wieder sind diese Käufer wie ein Sinnbild dieses Volkes, denn die meilenlange Käuferreihe – alle niedrig, beinahe alle in der vornehmen Linie des englischen Rund- oder Spitzbogens und beschützt von den hübschen Säulenvorhallen, Zeugen eines romantischen Sinnes, der nicht der Seltenheit öffentlicher Gebäude, sondern in der Wiederholung des Wohnhauses sich darstellt – alle diese Häuser sind schwarz geworden, schwarz von der Kohle des größten Hafens der Welt. Ernst und wie trauernd ragen die edlen Säulenhallen römischer Ordnung in den Dunst, die dieses Weltreich neuen Datums nicht zufällig aus dem verwandten Weltreich alten Datums so zahlreich übernahm, und das Schicksal des seefahrenden Volkes erfüllt sich aufs neue an den Gebäuden seiner Hauptstadt. Schönheit wird vom Rauch des Handels eingehüllt.
Doch auch der leichte Flügel, Freiheit der Sitte, unbekümmerte Übernahme aller Kulturen in den Sammelpunkt der eigenen, alles dies, was uns Paris zur einzig magischen Stadt der Gegenwart macht: auch dies ist hier umdunkelt wie die Häuser. Eben deshalb aber ist London dem Deutschen um so viel verwandter – trotz allem, was darin bestimmt ist, ihm ewig fremd zu bleiben.
Und mit einem Male begreifen wir, was uns im letzten Augenblicke hinderte, Republikaner in Paris zu werden. Dort herrscht eine naive, darum ungewisse Freiheit, dem Deutschen fremd und zauberlich, wie die Sonne Ägyptens. Hier herrscht eine gesichtete, dauernd gesicherte Freiheit: hier herrscht Gebundenheit durch Temperament und Sitte, Gebundenheit ohne Könige, Gebundenheit in der Gemeinschaft, hier – so schient es – herrscht wahrhaft Freiheit im Sinne Roms vor den Cäsaren.
Und während dies alles der Nebel bedrängt, durchdringt, umkreist – der Nebel, der aus dem Meere steigt und sich wie eine schwere Steuer auf die Schultern der Häuser legt – fühlt man sich vollends mitten ins Geheimnis dieses Volkes eingeschlossen, das unvergleichbar bleibt mit jedem anderen, und dessen Stadt, Land und Wesen aufs neue zu erklären, in der folgenden Zeit hier versucht werden soll.