Vorwärts

Der Vorwärts ist eine 1876 als Zentralorgan der deutschen Sozialdemokratie gegründete Zeitung, die bis heute als Parteizeitung der SPD erscheint und monatlich kostenlos an deren Mitglieder versandt wird, aber auch an ausgewählten Kiosken erhältlich ist. Während der NS-Zeit erschien sie im Exil, zunächst von 1933 bis 1938 in Prag, anschließend von 1938 bis zum Einmarsch deutscher Truppen im Mai 1940 in Paris. Am 11. September 1948 erschien die erste Ausgabe nach dem Krieg, allerdings nicht unter dem Traditionstitel Vorwärts, sondern unter dem im Exil entstandenen Namen Neuer Vorwärts. Der alte Titel war im Besitz der SED, die in der sowjetisch besetzten Zone aus dem Zusammenschluss von SPD und KPD entstanden war, und wurde für die Montagsausgabe des Neuen Deutschland verwendet. Seit dem 1. Januar 1955 konnte das damals noch wöchentlich erscheinende SPD-Zentralorgan in der Bundesrepublik (Redaktionssitz: Bonn) wieder den ursprünglichen Titel führen.

Die wechselhafte Geschichte des Vorwärts soll an dieser Stelle nur knapp umrissen werden. Die erste Ausgabe der in Leipzig von der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) gegründeten Zeitung erschien am 1. Oktober 1876 und ersetzte die bisherigen Parteizeitungen Der Volksstaat und Neuer Social-Demokrat. Unter der Leitung von Wilhelm Liebknecht und Wilhelm Hasenclever erschien er zunächst drei Mal die Woche. 1877/78 wurden hier eine Reihe von Artikeln von Friedrich Engels veröffentlicht, die zum Kernbestand marxistischer Publikationen zählen; später schrieb u.a. auch Rosa Luxemburg im Vorwärts. Als Folge des von Bismarck initiierten Sozialistengesetzes, das die Sozialdemokratie zwölf Jahre lang unter Ausnahmegesetzgebung stellte, musste der Vorwärts im Oktober 1878 sein Erscheinen vorübergehend einstellen und ins Exil ausweichen. Ab 1879 erschien er in Zürich unter dem Titel Der Sozialdemokrat und wurde illegal in Deutschland verbreitet. Im Januar 1891 konnte er in Berlin legal wiederbegründet werden und erschien jetzt als Tageszeitung der SPD. Mehrfach war der Vorwärts in politische Skandale involviert, die international für Aufsehen sorgten. So wurde im Vorwärts 1895 ein sieben Jahre alter privater Brief des streng konservativen Hofpredigers Adolf Stöcker an den Chefredakteur der Kreuzzeitung Wilhelm von Hammerstein veröffentlicht, in welchem der Kirchenmann Intrigen vorschlug und entwickelte, um einen Sturz Bismarcks von rechts vorzubereiten („Scheiterhaufenbrief“). 1902 erntete die Redaktion unter dem Chefredakteur Kurt Eisner heftige Kritik aus der eigenen Partei, als sie den Großunternehmer Friedrich Alfred Krupp als homosexuell denunzierte.

Als zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Mehrheit der sozialdemokratischen Abgeordneten im Reichstag auf die von Kaiser Wilhelm II. beschworene Burgfriedenspolitik einschwenkte, hielt der Vorwärts unter der Leitung von Rudolf Hilferding an der ursprünglichen Antikriegsposition der Parteimehrheit fest. Als sich 20 Reichstagsabgeordnete der SPD im Dezember 1915 in einer Erklärung von der „Kriegspolitik“ distanzierten, machte sich das Parteiorgan diese Position zu eigen. Damit stand es in diesem Punkt in linker Opposition gegen die Mehrheit der SPD-Reichstagsfraktion. Dieser Zustand endete 1916, als Friedrich Stampfer der Redaktion zunächst quasi als Kontrolleur zugeordnet und dann ihr Chefredakteur wurde; Hilferding war bereits 1915 zum Militärdienst eingezogen worden. Nach Kriegsende vertrat der Vorwärts – weiterhin unter der Leitung Stampfers – einen kämpferisch demokratischen und parlamentarischen Kurs, darin in deutlicher Distanzierung von der sich von der SPD ablösenden kommunistischen Gruppierung, die in der KPD eine neue Heimat fand. Den Versailler Vertrag hat Stampfer im Vorwärts abgelehnt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der Vorwärts seinen politischen Einfluss der Vorkriegsjahre nicht wiedergewinnen. Auf dem freien Markt lag das Blatt 1989 bei 50.000 Exemplaren Auflage, und der SPD-Vorstand entschied sich für eine Einstellung aus Kostengründen, die jedoch nicht umgesetzt wurde. Heute hat die Zeitung den Charakter eines monatlich erscheinenden Mitgliederjournals mit ca. 455.000 Exemplaren (2012).

Für die Nutzung des Blattes in der Zeit des Ersten Weltkrieges ist zu berücksichtigen, dass die Presse in Deutschland nicht frei war, sondern bestimmten Zensurvorschriften unterlag, denen sich auch der um Unabhängigkeit bemühte Vorwärts beugen musste.