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Bedenklicher Sittenverfall in Kultur und Alltag

Die sittlichen Zustände im heutigen Frankreich

In Frankreich kämpfen Aktivisten gegen den Sittenverfall. Deutschland sollte sich daran ein Beispiel nehmen, denn hier existieren ähnliche Probleme mit Pornographie.

Bei den letzten Wahlen in Frankreich haben Fragen der Sittlichkeit in der öffentlichen Erörterung eine Rolle gespielt, die auch für unsere deutschen Verhältnisse beachtenswert erscheinen dürfte. Ganz abgesehen davon, dass in den tatsächlichen zuständen zwischen hüben und drüben eine gewisse Ähnlichkeit besteht, sind wir auch besonders deshalb daran interessiert, einen Einblick in die Dinge bei unseren westlichen Nachbarn zu gewinnen, weil erfahrungsgemäß kein Vorbild in den einschlägigen Fragen auf unser Volk nachhaltig zu wirken pflegt. Wie wir im Laufe der Zeit zweifellos durch dieses Vorbild, dem man bei uns vielfach in der Mode, im Theater, in der schönen Literatur, in der Malerei in der Postkartenindustrie, im Varieté, in der Kinematographie usw. fast sklavisch sich unterwirft, eine Verschlechterung unseres sittlichen Denkens und Fühlens erfahren haben, so ist auch in Zukunft eine Weiterentwicklung nach dieser Richtung zu befürchten. Um darum gegen den zunehmenden sittlichen Verfall auch bei uns erfolgreich anzukämpfen, ist eine Kenntnis der französischen Zustände gewiss von Vorteil.

In einem bedeutsamen offenen Briefe an die Kandidaten für die französische Abgeordnetenkammer gib der um den Kampf gegen die öffentliche Unsittlichkeit hochverdiente greise Senator Béranger einen Überblick über das ganze einschlägige Gebiet, der auch in Deutschland vollinhältlich bekannt zu werden verdient. Béranger ist der Gründer und Vorsitzende der über das ganze Land verbreiteten „Fedération française de Societés antipornographiques“ und entfaltet in dieser wichtigen Stellung eine außerordentlich rege Tätigkeit. Er ist auch der Urheber des Planes einer internationalen amtlichen Konferenz zur Bekämpfung der Pornographie, die zu Paris am 4. Mai 1910 zu einem von fast allen Kulturstaaten angenommenen Übereinkommen geführt hat. Auf Grund desselben ist für das Deutsche Reich beim Berliner Polizeipräsidium die „Zentralpolizeistelle zur Bekämpfung unzüchtiger Bilder und Schriften“ errichtet worden. Gegen 70 solcher Zentralstellen bestehen nunmehr in allen Teilen der Erde und arbeiten auf direktem Wege ohne diplomatische Vermittlung Hand in Hand zur Unterdrückung des internationalen organisierten Schmutzhandels, der sich früher hinter die Verschiedenartigkeit der einzelstaatlichen Gesetzesbestimmungen verschanzen und bei dem Mangel gemeinsamer Abmachungen ungehindert breit machen konnte. In Frankreich, dem Ursprungslande dieser epochemachenden Vereinbarung, lässt aber leider, wie auch der Brief Bérangers zu erkennen gibt, die Regierung viel zu wünschen übrig in der energischen Bekämpfung der sittlichen Schäden. Mit um so größerem Ernst sucht Béranger mit seinem Verband und einer Reihe anderer Mitkämpfer an der Beseitigung der schweren Verderbnis zu arbeiten, die das französische Volk bis ins Mark angefressen hat.

Der nachstehend mitgeteilte offene Brief ist ein Beweis dafür. Mit Beschämung müssen wir in Deutschland sagen, dass über allen anderen Sorgen, die uns in der Zeit der Wahlen bewegen, die fast ausschließlich politischer und wirtschaftlicher Natur sind, Sittlichkeitsfragen, mit solchem Ernst, mit solcher Eindringlichkeit vorgetragen, bisher in der breiteren Öffentlichkeit noch niemals eine Rolle gespielt haben. Ob wir das wirklich so gar nicht nötig haben?!

Die „An die Herren Kandidaten“ gerichtete, in der französischen Tagespresse vielfach verbreitete Kundgebung lautet:
„Gestatten Sie uns, Ihre Aufmerksamkeit auf die unheilvolle und befremdliche Vergessenheit zu lenken, in der man während der vorhergehenden Legislaturperiode die Maßnahmen gelassen hat, die geeignet wären, gegen die unerhörte Verschlechterung der öffentlichen Hilfen (Textteil unleserlich) Skandale und der schmachvollen Zustände der Gegenwart zu kämpfen und Sie aufzufordern, ihnen in Ihren Wahlreden den Platz einzuräumen, der ihnen im öffentlichen Interesse gebührt.

Mehrere unter Ihnen seien hauptsächlich hervorgehoben, weil sie die Lebensbedingungen unseres Landes berühren. Niemand zweifelt daran, dass die Hauptquelle des betrübenden Anwachens der jugendlichen Kriminalität einerseits in den durch obszöne Abbildungen und Anschläge, sowie durch sittenlose Veröffentlichungen auf die Straße geworfenen Elementen der Verderbtheit liegt, andererseits in der unbeschränkten Öffentlichkeit, die durch gewisse Organe der Presse den Mörder- und Räubersperren, den Bildern der Verbrecher, der Darstellung ihrer Heldentaten gegeben wird, die so sehr geeignet sind, die kindliche Einbildungskraft krankhaft zu überreizen und perverese Triebe bei der Jugend zu entwickeln.

Der Sinnlichkeitskultus endlich der Schaustellungen aller Art, der Jahrmarktsbuden, der Kinematographen, der Musikhallen, der Konzertcafés, der verschiedensten Theater, wirkt auf den Zuschauer zugleich durch die Darbietung der verwegensten Machtheiten und durch den unaufhörlichen Angriff auf die elementarsten Grundsätze von Anstand und Moral.

Was hat man indessen dagegen getan?

Im Hinblick auf den ersten Punkt müsste eine Regierung, die sich um ihre Pflichten kümmerte, erwägen, dass eine wirksame Unterdrückung des Handels mit unzüchtigen Bildern und Schriften nur möglich sei, wenn man ein Abkommen zwischen den verschiedenen Regierungen treffe, um diesen in seinen neuen Formen international gewordenen Handel auch wirklich zu erreichen. So hatte man im April 1910 zu Paris eine offene, internationale Konferenz einberufen.
Bestimmt Beschlüsse waren dort gefasst worden. Die Herstellung, die Versendung, selbst die im Auslande geschehene Verbreitung, bis jetzt nicht strafbar, waren mit strengen Strafen belegt worden.

Jede Regierung verpflichtete sich außerdem, bei sich die notwendigen Gesetze einzubringen. Treu diese Zusage legte die französische Regierung im folgenden Jahre dem Senat einen entsprechenden Gesetzentwurf vor. Er kam am 21. Dezember 1911 ohne Widerspruch zur Abstimmung.

Alsbald der Kammer übergeben, schläft er dort seit mehr als zwei Jahren in den Mappen, ohne dass unsere wiederholten Anstrengungen es von der Regierung zu erreichen vermocht hätten, ihn von dort hervorzuholen.

Was die Veröffentlichung von blutigen oder verbrecherischen Taten anlangt, so ist ein Gesetzesvorschlag im Februrar 1910 auf Antrag des Herrn Abgeordneten Biollette in der Kammr angenommen und alsbald dem Senat übergeben worden, dort schläft nun auch er in den Mappen der hohen Versammlung seit vier Jahren, ohne dass die unaufhörlichen Einsprüche unserer Gesellschaften die Regierung hätten bestimmen können, ihn herauszunehmen.

Mit dem Theater steht es noch schlimmer.
Als im Jahre 1906 die Zensur unter dem Gewicht ihrer skandalösen Schwächen abgeschafft worden war, hatte man sich der Täuschung hingegeben, als wüssten die Theaterbesucher, von jetzt an frei in ihrer Handlungsweise, die Achtung vor den guten Sitten zu sichern, als wachten die Theaterdirektoren nun mehr strafrechtlich verantwortlich, aufmerksamer über ihre Vorstellungen.

Aber man hätte eine wirksame Überwachung der Theater einrichten müssen, um die Aktion der einen zu ermöglichen und um den anderen eine heilsame Furcht einzuflößen.

Sollte man die Polizei mir einer Aufgabe betrauen, die ihre Kräfte überstieg? Nein, sie könnte es tun, ohne ihr Personal auch nur im geringsten zu vermehren, ohne ihr Budget mit einem Zentimeter mehr zu belasten.

In den großen Theatern hat tatsächlich der Polizeikommissar seinen stets vorbehaltenen Platz. Er ist verpflichtet, ihn einzunehmen. Es würde also genügen, von ihm bei jeder Vorstellung neuer Stücke einen Bericht zu verlangen. Was die minder wichtigen Vorstellungen betrifft, deren Aufführung der behördlichen Genehmigung unterworfen ist, so enthält der Text der Genehmigung wörtlich die Bestimmung, dass ein Schutzmann allen Vorstellungen auf Kosten des Direktors beiwohnen soll. Also, diese Kosten werden genau bezahlt und der Schutzmann ist immer anwesend; er hat nur Rechenschaft zu geben über das, was er sieht und hört.
Die notwendigen Schutzleute sind doch vorhanden. Man braucht ihnen nur ein Weisung zu geben. Diese Weisung ist seit fünf Jahren von unseren Gesellschaften wiederholt gefordert worden. Persönliche Mitteilungen an die Minister, Artikel in den Zeitungen, selbst eine Interpellation auf der Tribüne (in der Senatssitzung vom 22. März 1912), alles das hat nicht das geringste genützt.

Immer wieder gab es Versprechungen, die Weisung, die genügt hätte, ist niemals erteilt worden.
Und die Folgen dieser sträflichen Gleichgültigkeit machen sich heute bitter bemerkbar. Die gemeinsten Stücke, die schamlosesten Schaustellungen werden ungestraft vorgeführt. Selbst die Presse ist davon angeekelt. Ihre Proteste häufen sich.
Eine von unseren Gesellschaften, müde, unaufhörlich ihre Klagen als Übertreibung eingeschätzt zu sehen, ließ sich vor wenigen Tagen vom Gerichtspräsidenten bevollmächtigen, dirch einen Gerichtsdiener die Bestätigung von der Schmach gewissen Vorstellungen sich geben zu lassen. Protokolle wurden in zwei Theatern aufgenommen. Sie stellten in zwei Szenen das Auftreten von Frauen fest, die fast vollständig nackt waren. Einige von ihnen waren bestimmt minderjährig.

Das Verbrechen war offenbar; es war die Verletzung des Schamgefühls, die durch das Strafgesetzbuch geahndet wird. Sie zeigt sich täglich an zehn anderen Orten. Vom Justizminister bei der Staatsanwaltschaft belangt, ist sie nur geringfügig verurteilt worden und indem er sich das Recht der Begnadigung anmaßte, hat sich dieser Letztere darauf beschränkt, in der Presse die Warnung zu veröffentlichen, dass wenn die bezeichneten Missbräuche andauerten, er ohne Zaudern dagegen einschreiten werde.
War die Drohung wenigstens von Erfolg begleitet? Ach nein!

Kaum einige fliegende Schleier, die mehr geeignet sind, die Neugierde zu erwecken, als die Nacktheit zu verhüllen, sind über die bloßen Körper geworfen worden. Die Schaustellung hat sich in keiner Weise geändert. Am 5. März dieses Jahres wurde der Skandal vor den Senat gebracht: das hat von Seiten der Regierung die beruhigendsten Versprechungen zur Folge gehabt. Die Tatsachen blieben unbestritten. Sie sollten aufhören.

Der Justizminister verkündete in der Tat am folgenden Tage durch eine neue amtliche Mitteilung an die Zeitungen, dass entsprechende Weisungen gegeben seien.

Zwanzig Tage sind seitdem vergangen. Nichts ist geschehen; man sieht noch immer an unseren Mauern Anschläge von Theatern mit empörenden Bildern, die man umsonst als gegen die guten Sitten verstoßend anzeigen kann, und in der Presse, in den Programmen der Theaterstücke mit verlockenden Titeln, deren eines eine im allgemeinen wenig strenge Zeitung zu folgendem Protest nötigt: „Genug, genug! Diese ekelhafte Ausstellung von fleischlicher Luft, von zweideutiger Geschlechtsverhüllung usw., dürfte wahrlich nicht die geringste Beziehung zu irgend welcher künstlerischer Tendenz haben … Ich frage mich, was das Polizeipräsidium noch weiter erwartet, um diese Lokale schließen zu lassen“.

(Text unleserlich) entvölkert sich. Die Zahl der Geburten übersteigt nicht mehr die der Todesfälle. Während eine uns bedrohende Nation ihre Bevölkerung von Jahr zu Jahr wachsen sieht, nimmt die Unsrige mit Riesenschritten ab. Bald, wenn ein Krieg ausbricht, werden wir nur drei, vielleicht nur zwei gegen fünf sein! Die öffentliche Meinung ist tief erregt, die Unruhe ist allgemein. Unsre Jugend zeigt sich durch eine wunderbare patriotische Bewegung zu den größten Opfern bereit. Was tut die Regierung?

Einen Augenblick aus ihrer Erstarrung durch den Schrei der Öffentlichkeit geweckt, hat sie im November 1912 eine größere Kommission ernannt zum Studium des schmerzlichen Problems. Sie hatte bereits früher einen Gesetzentwurf gegen die Fruchtbeseitigung und die antikonzeptionellen Eingriffe eingebracht. Was ist daraus geworden?

Die Kommission hat sich großen Arbeiten gewidmet. Dicke Berichte sicnd gemacht worden. Hundert verschiedene Maßnahmen hat man vorgeschlagen. Sobald sie geschlossen worden war, hat man es aufgegeben, sie wieder zu versammeln. Es ist fast ein Jahr her, dass sie nicht einberufen worden ist.

Was den Gesetzentwurf betrifft, der auf den Vorschlag des Herrn Launelongue über die Entvölkerung im Juni 1910 eingebracht und unaufhörlich vertagt worden war, so konnte in vier Jahren nichts weiter als eine erste Beratung erzielt werden. Jeder dieser Entwürfe hätte eine dringliche Abstimmung erfordert. Und sie ziehen sich jahrelang in den Kommissionen hin. Es besteht keine Hoffnung auf ihre baldige Annahme.

Es hätte indessen genügt, wenn eine Stimme sich erhoben hätte, um ihre Wichtigkeit zu betonen und ihre Besprechung zu fordern. Niemand hat gesprochen.

Soll es in der nächsten Legislaturperiode ebenso sein? Sollen wir auch fernerhin die Vertreter des Landes gleichgültig und stumm bleiben sehen vor den Landplagen, die die Zukunft bedrohen bis zur Lebensfähigkeit unseres Landes? Wir wollen wenigstens keine Verantwortung tragen an dieser Vernachlässigung der gebieterischen Pflicht gegen das Land, und wir richten einen dringenden Appell an die Gesetzgeber von morgen.

Unser Bund umfasst 113 Gesellschaften. Es gibt wenige Departements, die nicht mindestens eine haben. Ihre Mitglieder gehören durch ihre Ehrenhaftigkeit den einsichtsvollsten Gesellschaftskreisen an. Ihre Stimmen werden nicht ohne Einfluss bei der Wahl sein, sie werden sie sicherlich nur den Kandidaten geben, die sich verpflichten, den Sittlichkeits- und Geburtsfragen die Wichtigkeit beizumessen, die ihnen zukommt.“